Immer mehr Junge leiden unter immer stärkerer Kurzsichtigkeit. Schuld ist das Smartphone. Optometrist Roger Anhalm weiss Rat.
Fernsehen ist out, nahsehen ist in. Doch dauerndes Nahsehen ist schlecht für die Augen. Ein grosses Problem, denn den Jungen kann es kaum nah genug sein: beim Chatten, beim Gamen, beim Video schauen. Sie halten ihre Smartphones und Spielkonsolen wenige Zentimeter vor der Nasenspitze. Die Muskulatur in den Augen muss stundenlang Höchstleistungen erbringen, muss die Linse so verformen, dass alles, was sich unmittelbar vor ihr abspielt, scharf zu sehen ist.
Eine Zeit lang geht das gut. Doch Vorsicht! Die Daueranspannung der Muskeln hat Folgen. Die Augen passen sich an die veränderten Umstände auf zwei Arten an. Roger Anhalm: «Der erste Mechanismus hat mit dem Licht zu tun. Die Jugendlichen gucken mit Vorliebe in dunkler Umgebung auf ihren Mini-Bildschirm. Dann geht die Pupille auf, damit mehr Licht auf die Netzhaut fällt. Bei weiter Pupille aber wird es am Rand nicht ganz so präzis abgebildet. Die Strahlen in der Peripherie haben ihren Fokus ein klein bisschen hinter der Netzhaut. Mit der Zeit ‹denkt› das Auge ‹Huch, ich bin nicht gut fokussiert› und versucht, den vermeintlichen Fehler auszugleichen. Es wächst in die Länge.»
Woher kommt diese Erkenntnis? «Man hat bei einem Experiment mit Hühnern festgestellt, dass die Augen bei jenen Hühnern länger wurden, die immer im Hühnerstall bleiben mussten. Jene, die auch draussen in der Natur waren und in die Ferne gucken konnten, wiesen keine Veränderungen auf.»
Doch damit nicht genug. Es gibt noch einen zweiten Mechanismus, der das Auge zum Wachsen reizt. «Je näher man einen Gegenstand vor das Auge hält, desto stärker müssen die Muskeln an der Linse ziehen, damit ein scharfes Bild entsteht. Das kostet Kraft , die der Organismus lieber nicht aufwenden möchte. Er versucht deshalb, den Muskel auf irgendeine Art zu entlasten. Wie macht er das? Er sendet Wachstumsimpulse ans Auge. Das Auge wird Bruchteil um Bruchteil eines Millimeters länger und verschiebt den Punkt des scharfen Sehens nach hinten.»
Welche Auswirkungen hat das auf die Sehfähigkeit? Roger Anhalm: «Immer mehr junge Menschen werden kurzsichtig, was bedeutet, dass sie nur noch in die Nähe, aber nicht mehr in die Weite scharf sehen können. Und ihre Kurzsichtigkeit wird immer ausgeprägter. Wenn heute ein Bub, dessen Eltern kurzsichtig sind, mit sieben Jahren bereits minus 3 Dioptrien hat, kann man vorausberechnen, dass er im Alter von 20 etwa bei minus 7 liegt. Das ist viel.» Aber wo liegt das eigentliche Problem? Kurzsichtigkeit lässt sich doch problemlos mit Brillen oder Kontaktlinsen korrigieren. Roger Anhalm: «Mit zunehmender Verformung des Auges steigen die Risiken für ernste Augenerkrankungen wie Grüner Star oder Netzhautablösungen. Das hängt direkt miteinander zusammen.»
Können die Jugendlichen etwas dagegen tun, ohne den Smartphone-Gebrauch reduzieren zu müssen? Roger Anhalm: «Es gibt eine einfache Möglichkeit, die Veränderungen in den Augen zu stoppen. Man muss die Augenmuskeln einfach durch Fernsicht entlasten. Zwei Stunden pro Tag an die frische Luft gehen – natürlich ohne Smartphone. Ein Experiment mit asiatischen Schulklassen hat das gezeigt.»
Roger Anhalm kennt alle Studien und Untersuchungen: «In Asien liegt die mittlere Korrektur der Kurzsichtigkeit schon heute bei minus 7 Dioptrien – in der Schweiz derzeit noch bei minus 2 bis minus 3. Der Grund: Junge Asiaten nutzen die elektronischen Medien seit längerer Zeit noch intensiver und sind weniger draussen als unsere Jugendlichen. Das Problem ist erkannt. So gibt es bereits Schulbänke, die mit einer Stange den richtigen Lese- und Schreibabstand festlegen. Und es gibt Kugelschreiber, die ihre Miene einziehen, wenn der Abstand zum Auge zu gering wird.» Das Auge verändert sich natürlich auch, wenn man Bücher, Zeitungen oder anderen Lesestoff dauernd zu nah vor den Kopf hält. Selbst ein zu nah aufgestellter Bildschirm im Büro kann den Augen schaden. «Die Regel für den richtigen Abstand lautet: Ellenbogen auf den Tisch aufstützen, Unterarme nach vorne legen. Das ist die perfekte Distanz.»
Das kann man tun
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